Ein Beispiel, wie es in vielen Unternehmen aussehen könnte: Eine Mitarbeiterin fragt Copilot nach der Regelung für Dienstreisen. Die Antwort klingt plausibel, ist sauber formuliert – und beruht auf der Fassung von vor drei Jahren. Die aktuelle Regelung liegt zwei Ordner weiter. Copilot hat nichts falsch gemacht. Es hat gefunden, was da war.
Genau das ist der Punkt: Ein KI-Assistent ist nur so verlässlich wie die Ablage, aus der er schöpft. Bevor Sie Copilot oder eigene Agenten auf SharePoint loslassen, lohnt sich deshalb eine unbequeme Frage: Weiß in Ihrer Ablage irgendjemand – oder irgendetwas –, welches Dokument noch gilt?
Das Problem: gleichberechtigte Versionen
Microsoft beschreibt das Prinzip offen: Copilot greift über Microsoft Graph auf Dokumente, E-Mails, Chats und Termine zu und zeigt dabei nur Inhalte, für die die jeweilige Person mindestens Leserechte hat. Die Berechtigungen in SharePoint entscheiden also, was die KI sehen darf.
Berechtigungen beantworten aber nur die Frage wer darf das sehen? – nicht die Frage gilt das noch?. Für Copilot ist ein Rundschreiben von 2019 zunächst ein Dokument wie jedes andere, wenn es für die fragende Person sichtbar ist und zur Frage passt. Wenn nirgends vermerkt ist, dass es abgelöst wurde, kann die KI das nicht wissen.
In gewachsenen Ablagen ist das die Regel, nicht die Ausnahme:
- Kopien statt Versionen. „Preisliste_final.xlsx“, „Preisliste_final_neu.xlsx“, „Preisliste_2024_GF.xlsx“ liegen nebeneinander. Für Menschen ist am Dateinamen vielleicht noch erkennbar, welche die richtige ist – für eine Suche sind es drei gleichberechtigte Treffer.
- Verwaiste Bereiche. Projekt- und Teamseiten, deren Verantwortliche das Unternehmen längst verlassen haben, bleiben bestehen – samt Entwürfen, Angeboten und Arbeitsständen.
- Wissen ohne Gültigkeitsvermerk. Viele Dokumente sagen nicht, ab wann und bis wann sie gelten oder wer sie freigegeben hat.
Microsoft selbst formuliert es in der Vorbereitungsanleitung für Copilot so: Copilot und Agenten funktionieren am besten, wenn Inhalte aktuell und gut verwaltet sind. Das ist keine Fußnote, sondern die eigentliche Voraussetzung.
Woran Sie es merken
Die Symptome zeigen sich meist erst im Alltag, nicht im Pilotprojekt:
- Antworten stützen sich auf veraltete Quellen. Copilot verweist in seinen Antworten auf die Dokumente, die es herangezogen hat. Schauen Sie bei Antworten, die Ihnen merkwürdig vorkommen, in diese Quellen: Oft ist es eine alte Fassung, ein Entwurf oder eine Kopie.
- Die gleiche Frage, unterschiedliche Antworten. Wenn zwei Kolleginnen zum selben Thema Verschiedenes hören, liegen häufig zwei widersprüchliche Dokumente in Reichweite.
- Überraschungen bei den Berechtigungen. Copilot fasst Inhalte zusammen, die zwar technisch freigegeben waren, aber nie für alle gedacht. Das ist kein Copilot-Fehler, sondern eine Freigabe, die vorher nur niemand bemerkt hat.
- Das Vertrauen sinkt. Mitarbeitende prüfen jede Antwort nach oder hören auf, das Werkzeug zu nutzen. Dann bezahlen Sie Lizenzen für ein Werkzeug, das kaum noch genutzt wird.
Für eine erste Bestandsaufnahme bringt Microsoft eigene Werkzeuge mit. Sobald im Unternehmen mindestens eine Copilot-Lizenz zugewiesen ist, erhält die SharePoint-Administration Zugriff auf Funktionen von SharePoint Advanced Management. Dazu gehört die „Content Management Assessment“ im SharePoint Admin Center. Sie bündelt unter anderem Berichte zu:
- Seiten ohne Aktivität in den letzten 180 Tagen,
- Seiten ohne oder mit nur einem Besitzer,
- Seiten mit unterbrochener Berechtigungsvererbung,
- Inhalten, die für alle internen Nutzer freigegeben sind („Everyone except external users“),
- zu weit gefassten Freigabelinks.
Laut Microsoft ändern diese Berichte nichts ohne Zustimmung der Administration. Sie sind also ein risikoarmer erster Schritt.
Aufräumen, bevor man anbindet
Aufräumen heißt nicht, die ganze Ablage auf einmal zu sanieren. Es heißt, für die Bereiche, aus denen die KI antworten soll, verlässlich zu klären, was gilt. Ein pragmatischer Ablauf:
1. Mit einem Wissensbereich beginnen, nicht mit allem
Wählen Sie einen Bereich, zu dem viele Fragen gestellt werden: Richtlinien, Produktdaten, Serviceanleitungen. Agenten in SharePoint lassen sich gezielt auf ausgewählte Quellen begrenzen – laut Microsoft auf bis zu 20 Websites, Bibliotheken, Ordner, Listen oder Dateien pro Agent. Im Agent Builder von Microsoft 365 Copilot können bis zu 100 SharePoint-Dateien als Wissensquelle gewählt werden. Ein kleiner, geprüfter Bestand ist hier mehr wert als ein großer, ungeprüfter.
2. Für jeden Bereich eine verantwortliche Person benennen
Welche Fassung gilt, weiß nicht die IT, sondern der Fachbereich. Für jeden Wissensbereich braucht es jemanden, der entscheidet: Das gilt, das ist abgelöst, das fehlt. Ohne diese Rolle wird jede Aufräumaktion nach einigen Monaten von neuen Kopien eingeholt. SharePoint unterstützt das mit Richtlinien, die Seitenbesitzer regelmäßig bitten, Notwendigkeit, Besitzer und Berechtigungen ihrer Seite zu bestätigen („Site attestation policies“).
3. Versionen statt Kopien
SharePoint hat eine Versionsverwaltung eingebaut: In Microsoft 365 ist sie für neue Bibliotheken standardmäßig aktiv und hebt die letzten 500 Versionen eines Dokuments auf. Wer eine neue Fassung über die alte speichert, statt eine Kopie anzulegen, hat die Historie trotzdem – aber nur noch ein Dokument, das gefunden wird. Das ist vor allem eine Gewohnheitsfrage und lässt sich mit einer klaren Ablageregel verankern.
4. Abgelöstes aus dem Weg räumen – ohne Aufbewahrungspflichten zu verletzen
Löschen ist oft weder erlaubt noch gewollt. Nach § 257 HGB und § 147 AO sind etwa Handelsbriefe, Buchungsbelege und Jahresabschlüsse sechs, acht oder zehn Jahre aufzubewahren. Aufbewahren heißt aber nicht, dass die Unterlagen im täglichen Zugriff der KI liegen müssen. Microsoft bietet dafür mehrere Wege:
- Richtlinien für inaktive Seiten erkennen Seiten ohne Aktivität, benachrichtigen die Besitzer und können die Seite nach ausbleibender Rückmeldung auf schreibgeschützt setzen oder archivieren.
- Microsoft 365 Archive verschiebt Seiten oder Dateien in eine kalte Speicherstufe. Die Inhalte sind dann nicht mehr direkt zugänglich, bleiben aber für Purview-Inhaltssuche und eDiscovery auffindbar. Microsoft nennt ausdrücklich als Vorteil, dass Copilot archivierte Inhalte nicht heranzieht – im Original: „not trained on archived content“ – und die Antworten dadurch relevanter werden.
- Aufbewahrungsrichtlinien in Microsoft Purview stellen sicher, dass Inhalte für eine festgelegte Dauer erhalten bleiben oder danach gelöscht werden.
Welche Fristen für welche Unterlagen gelten, sollten Sie mit Steuerberatung oder Rechtsabteilung klären. Die Technik setzt die Entscheidung nur um.
5. Berechtigungen prüfen, Übergangslösungen bewusst einsetzen
Microsoft weist darauf hin, dass die Freigabeeinstellungen in SharePoint standardmäßig auf die freizügigste Option gesetzt sind. Berichte zur Datenzugriffs-Governance zeigen, wo Inhalte zu weit freigegeben sind. Für besonders heikle Bereiche gibt es „Restricted Content Discovery“: Die Seite taucht dann nicht mehr in organisationsweiten Suchergebnissen und Copilot-Antworten auf, die Berechtigungen bleiben aber unverändert. Microsoft beschreibt das ausdrücklich als vorübergehende Maßnahme und warnt, dass zu häufiger Einsatz die Vollständigkeit der Antworten verschlechtert. Es ist eine Brücke, kein Ersatz fürs Aufräumen.
6. Mit echten Fragen testen
Sammeln Sie vor dem Start die Fragen, die im Alltag tatsächlich gestellt werden, und die Antworten, die richtig wären. Stellen Sie diese Fragen nach dem Aufräumen erneut und prüfen Sie die Quellen, auf die sich Copilot stützt. So sehen Sie, ob das Aufräumen gewirkt hat – und wo noch Wissen fehlt, das nur in Köpfen steht.
Was die Technik nicht abnimmt
Die Werkzeuge von Microsoft finden inaktive Seiten, weite Freigaben und fehlende Besitzer. Sie können aber nicht entscheiden, ob eine Preisliste noch gilt oder ob eine Arbeitsanweisung durch eine mündliche Absprache überholt ist. Diese Entscheidung bleibt bei Menschen – und sie muss nicht einmalig, sondern laufend getroffen werden. Für die Geschäftsführung heißt das: Wissenspflege ist eine Aufgabe mit Verantwortlichen und Zeit, kein Nebenprodukt der Lizenz.
Für die IT-Leitung heißt es: Copilot erst dort breit freischalten, wo die Ablage diesen Anspruch erfüllt. Ein kleinerer, verlässlicher Start überzeugt mehr als ein großer, der nach wenigen Wochen an Vertrauen verliert.
Wenn Sie bereits einen Fall haben, in dem Ihre KI danebenlag, und wissen wollen, ob veraltete Dokumente dahinterstecken oder etwas anderes: Genau dafür gibt es den kostenlosen KI-Check.